LESEPROBE

SILENT SKIES

ein investigativer Thriller  ·  Sam Thorne

Ein Flugzeug fällt vom Himmel. Eine Frau glaubt nicht an Zufall.

TEIL I – DER ABSTURZ

KAPITEL 1: FLIGHT LEVEL 380

Dienstag, 24. März, 09:38 Uhr — GERMANAIR Altair B220, Enroute BCN – RSD

Der Himmel war von einer verstörenden Klarheit. Keine Wolke, kein Dunst. Die Sonne stand schräg über den Gipfeln, als hätte sie sich absichtlich zurückgezogen aus dem Geschehen, das sich nun anbahnte.

Marianne Becker saß am Fensterplatz in Reihe 18A, links. Sie hatte das Frühstück auf ihrem Hotelzimmer in Barcelona ausgelassen und wollte auf dem Rückflug nach Rheinstadt ein Sandwich essen, das sie sich eingepackt hatte. Doch jetzt lag es unangetastet auf dem Klapptisch. Ihr Blick hing draußen, an den gezackten Spitzen der französischen Alpen. So schön, so weiß, so ewig, schoss es ihr durch den Kopf.

Dann spürte sie es. Ein leichter, aber doch bestimmter Ruck. Eigentlich war er kaum der Rede wert, eine flüchtige Bewegung im Bauch, wie bei leichter Turbulenz. Dann ein zweiter, stärker. Und ein leises metallisches Geräusch, das niemand einordnete.

Marianne drehte sich zur Kabine. Nichts. Die Passagiere um sie herum waren still. Müde. Mit sich beschäftigt. Ein junger Mann in Reihe 17 schräg vor ihr scrollte gelangweilt auf seinem Smartphone. Eine ältere Dame las El País. Ein Kind kicherte irgendwo weiter hinten, und die beiden Stewardessen in ihren weinroten Uniformen schoben ihre Servierwagen mit den Miniatur-Snacks und der ebenso überschaubaren Auswahl an Getränken weiter den Gang in Richtung des Hecks.

Und dann kam die Veränderung. Langsam, sanft, aber spürbar. Die Nase des Flugzeugs senkte sich. Nicht abrupt – aber stetig. Ein sanfter Sinkflug, zu sanft für Notfälle, aber zu schräg für Routine, dachte Marianne.

Sie legte die Stirn an die Scheibe. Die Berge unter ihr kamen näher, langsam, aber kontinuierlich.

Immer noch kein Wort vom Cockpit. Kein Signalton. Kein: »Wir bitten Sie, sich anzuschnallen.« Nur das tiefe, gleichmäßige Brummen der Triebwerke – und ein Gefühl, das plötzlich in ihrem Magen saß wie ein kalter Stein.

Sie griff ihr Handy, prüfte das Netz. Ein einziger Balken. Schnell tippte sie:

»Etwas stimmt nicht. Wir sinken. Ich liebe dich.«

Absenden. Kein Empfang. Kein Sendeton.

Dann hörte sie das erste Klopfen. Dumpf. Von vorn. Irgendwo aus der Cockpitnähe. Jemand klopfte – energisch. Zwei Mal.

Pause.

Dann lauter. Schneller. Panischer.

Marianne fröstelte. Sie spürte das erste Zittern in ihren Fingern. Sie erinnerte sich an nichts aus dem Sicherheitsvideo, das sie in Barcelona während des Rollens zur Startbahn halbherzig angesehen hatte. Nicht, wie man die Tür öffnet. Nicht, wo die Schwimmweste war. Sie wusste nur: Die Alpen kamen zu schnell näher. Instinktiv zog sie die Schlaufe ihres Sicherheitsgurtes enger.

Noch immer kein Wort aus dem Cockpit. Nur die Berge. Näher. Größer. Bedrohlicher. Die Gipfel waren jetzt schon eindeutig auf gleicher Höhe wie der, auf der das Flugzeug flog. Nun wurden auch andere Passagiere um sie herum unruhig. Andere schienen die Gelegenheit dieses einmaligen Anblicks nutzen zu wollen und filmten mit ihren Smartphones aus den Fenstern heraus.

Und dann – ein grelles weißes Licht. Felsen. Und ein letzter Gedanke: Warum sagt niemand etwas?

10:46 Uhr — Berlin, Sophies Wohnung in Neukölln

Der Duft von frisch gemahlenem Kaffee hing in der Luft, vermischt mit einem Hauch Jasminöl und der kühlen Klarheit eines Berliner Frühlingsmorgens. In der modern eingerichteten Altbauküche – mattweiß lackierte Schubladen, eine massive Eichenholzarbeitsplatte, offene Regale mit Keramikgeschirr in gedeckten Farben – stand Sophie Thalberg vor ihrer Siebträgermaschine, eines der Highend-Modelle aus Edelstahl mit Temperaturanzeige und einem integrierten Mahlwerk.

Sie füllte den Siebträger mit präzisen Handgriffen, verdichtete das Espressomehl mit dem Tamper, verriegelte den Halter und aktivierte die Pumpe. Das Gerät brummte leise, während sich ein goldbrauner Ristretto in die dickwandige Tasse ergoss. Kurz darauf folgte der zweite Shot – ein doppelter Espresso. Sophie genoss die Routine. Die Kontrolle. Die Ruhe vor dem Tag.

Sie war barfuß, trug eine weite, graue Wollhose und ein schlichtes weißes T-Shirt, das leicht über ihre linke Schulter gerutscht war. Ihre Bewegungen hatten etwas Tänzerisches, beinahe Zen-artiges – bis sie das Handy nahm.

Sophie war auffallend schön. Nicht aufgesetzt oder konstruiert, sondern in einer Weise, die sich erst in der Bewegung ganz entfaltete. Ihr Gesicht war klar konturiert, mit hohen Wangenknochen und einer eleganten Stirn. Ihre Haut: hell, fast durchscheinend, mit einem Hauch von Sommersprossen. Ihre Augen – ein tiefer, blau-grauer Ton – wirkten immer, als würde sie mehr sehen, als sie sagte. Dunkelblondes Haar, in sanften Wellen bis zu den Schultern fallend, rahmte ihr Gesicht auf natürliche Weise ein. Schlank, sportlich, aber mit einer stillen Stärke in der Haltung – so war Sophie. Und wenn sie lächelte, glaubte man ihr alles.

Jetzt aber lächelte sie nicht.

Sie balancierte den Espresso in der einen, das Handy in der anderen Hand, als sie in der Küche das Display aufleuchten sah.

»Eilmeldung: Germanair-Flug über Südfrankreich vermutlich abgestürzt. 150 Menschen an Bord.«

Ihr Herz stolperte. Sie starrte auf die Push-Mitteilung, als hätte jemand sie falsch programmiert.

»Flugnummer 2G8414«, flüsterte sie.

Alexander war heute früh von Rheinstadt nach Barcelona und zurück unterwegs. Das war der Flug. Sein Flug.

Ein sich rasch ausbreitendes Gefühl von Beklemmung griff nach ihrer Brust. Die Finger krampften sich um das Smartphone. Noch während sie zu begreifen versuchte, was sie gelesen hatte, wechselte sie in den Telefonmodus. Sie wählte seine Nummer.

Kein Klingeln. Sofort sprang die Mailbox an.

»Tango, Alpha, Charlie, Hotel, Sie haben Alexander Krämer erreicht. Ich bin momentan persönlich leider nicht ansprechbar – vermutlich bin ich gerade in oder über den Wolken, so 11.000 Meter über irgendetwas Schönem. Wenn Sie kein Notfall sind und nicht Sophie heißen, hinterlassen Sie bitte eine Nachricht nach dem Signalton. Wenn Sie doch Sophie sind: Ich ruf zurück. Versprochen. Bis dahin. – Piep.«

Sophie legte das Handy unsanft auf den Küchentisch. Die Espressotasse in ihrer anderen Hand begann zu zittern. Mit fahrigen Bewegungen griff sie nach ihrem iPad. Es dauerte gefühlt eine Ewigkeit, bis es hochgefahren war. Die Startseite erschien. Der Touchsensor versagte beim ersten Versuch. Erst beim dritten Mal erkannte das Gerät ihre Finger. Ihre Hände waren kalt. Ihre Bewegungen fahrig.

Sie öffnete den Browser, rief die interne Plattform von Germanair auf – ein Zugriff, den sie eigentlich längst nicht mehr haben sollte. Alte Kontakte, alte Tricks. Noch immer funktionierte das Passwort.

Sie navigierte zu den aktiven Flügen. Scrollte. Suchte. Flugnummer 2G8414.

Dort stand es. Schwarz auf Grau:

»B220-200, D-AIPZ, RSD-BCN-RSD«

Flugzeugtyp, amtliche Registrierung und die Kürzel für die Flugstrecke. Von Rheinstadt nach Barcelona und zurück.

Sie klickte auf die Zeile. Ein weiteres Fenster öffnete sich:

»Crewliste:

Heimbach, Peter – Kapitän

Krämer, Alexander – Kopilot…«

Die Kaffeetasse glitt ihr aus der Hand und fiel auf den Boden. Sie zerbrach nicht. Aber der Ton hallte, wie ein Schuss in einer Kathedrale.


Was Sophie an diesem Morgen noch nicht ahnt: Der Absturz von Flug 8414 ist erst der Anfang.

SILENT SKIES – von Sam Thorne

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